Schreibaufgabe Lipogramme:    


Zu schreiben ist ein Text, der unter dem Motto Erziehung steht, dabei muss ohne die beiden Buchstaben ausgekommen werden, die jeweils aus dem Scrabblebeutel gezogen wurden.







Mimose

Eine Mimose, die sich bei Berührung plötzlich zusammenzieht, ist überzüchtet, hat Mama gesagt und mir einen Kaktus geschenkt. Paul hatte aber eine Mimose, und die zog sich ganz wunderbar zusammen, klappte ihre Blättchen beiseite, wenn man sie ganz leise berührte oder einmal stark neben ihre Schale trat. Wenn man einmal stark gegen den Kaktus trat, kippte er um. Das ist ein paar mal passiert. Einmal ist auch die Katze dagegen gesprungen. Sie hatteeinen Stachel in der Tatze, und Mama wollte nicht zum Arzt. Ich habe dann keine neue Erde mehr dazugetan. Der Kaktus lag an die rotbraune Keramik gelehnt, die Wurzel halb bedeckt. Ich habe das manchmal noch mit den Händen geebnet, aber die Erde war sehr trocken. Dann bekam er braune Stellen und Paul hat gesagt, die kann man mit dem Taschenmesser rausschneiden. Mama wusste davon nichts.Wir trugen dunkle Handschuhe und haben das Küchenhandtuch ausgebreitet, den Kaktus aus der Erde genommen und operiert. Erst Paul, dann ich. Mit dem ausgeklappten Taschenmesser ansatzweise in den Körper schneiden, so dass man aus dem braunen ins weiße kommt. Wir haben abwechselnd geschnitten, bis alle braunen Stellen raus waren. Paul hat sauberer gearbeitet, aber gemacht hat das wenig. Als wir durch waren, habe ich den Kaktus wieder ordentlich eingegraben. Die Wurzel jetzt also komplett bedeckt, der Strunk so mittig und jeden Tag gegossen. Er bekam dann schnell noch mehr braune Stellen und sah bald aus wie ein Invalider Veteran, mit all den Amputationen. Dann war er ganz weg. Den Strunk hab ich noch in der Schale liegen lassen. Der war auch ganz braun. Mama schenkte mir später Brutblätter. Die ließ ich schneller sterben.

FIONA SIRONIC




Eziehung

Lange Zeit benahm ich mich gut.

Ich kille die Katze des neben uns hausenden Typen. Jeden Tag stelle ich dem Vieh einen Napf hin, in den ich es jetzt, am siebten Tage, tunke, bis es keine Luft mehr hat. Blubb, ich liebe Blubb. Alle müssen mal gemeuchelt haben.

Mit fünfzehn stellte mein Dad seine Taktik um. Jugendliche aufzuziehen ist ja bekanntlich keine leichte Aufgabe, muss Dad gedacht haben, und sagte: „Zum Beginn jedes Tages eine Watsche, denn spätestens am Nachmittag, wenn die Schule aus ist, stellst du etwas an.“

Beim Mathehausaufgabenmachen stelle ich eine Gleichung auf, um zu wissen, in welchem Winkel ich die Steine mit Gummiband aus dem Windfang abschießen muss, Klingeling, die Scheiben am Siedlungsende. Unabsichtlich, damals, mit dem Fußball, als ich zehn gewesen bin, Klingeling, heute eiskalte Absicht.

Meine Mam sagte zu Dads Einstellung: „Die Siegmund-Meute hat nämlich einiges nicht bedacht. Gewiss nicht lustig, nach fünfzig aufzuwachsen, als Mann im Haus einen schlimmen Nazi. Hingegen, was ist denn das Gegenteil? Ein Waschlappen, nie zu Hause, stets blau, scheißt auf die Familie. Das geht auch nicht gut aus.“

Meine Mam quäle ich psychisch, indem ich das Essen stehen lasse.

Ich nahm das anfangs als Witz. Nicht Mams Dummheit, nicht Dads ihm selbst als Kind eingebläute und eingebackpfeifte seltsame Denkweise. Bloß, dass ich jetzt die Schläge bekäme, glaubte ich nicht, fand den Gedanken zunächst amüsant, bis es geschah.

Die Gemeinde lasse ich auch nicht am Leben. Ein bisschen Zyankali aus den Chemiestunden schütte ich in die Quelle im Wald. Weitere zwanzig Tage dachte ich, diese Phase legt sich. Eines Mittags dann, die Backe aufgedunsen, entschied ich, meine Taktik ebenfalls zu wechseln. Denn gesühnt, denke ich bis heute, ist mein Tun ja längst:

Ich bekomme mit achtzehn eine gute Anstellung im Weißen Haus, das, entgegen meiner Intuition, auf Kuba ist.

LEANDER FISCHER



Vaterfreden

Von meinem Vater hab ich nen Scheiß gelernt. Der war weder gebildet, noch weise, noch konnte der irgendwas. Mies gerochen hat der, das schon. Den lieben langen Tag hat der vorm Trailer gehockt, gesoffen, sein scheiß Leben abgesessen, gewartet, bis es endlich die Nacht kam. Die Nacht war das Ding von dem. Nachts hatte der seine Weiber, aber davon hätte ich lieber nichts mitgekriegt. Voll eklig, die Weiber von dem, Alter, die hatten Fressen, hätt ich reiern können, so geschwollen, gerötet, porös oder so. Ich bin immer weg, wenn mein Vater seine Weiber hatte. Weg vom Trailer. Hab im Feld geschlafen dann, oder gar nicht geschlafen, wenns geregnet hat. Bin die laufen dann. Im Winter hab ich nichts gelernt, in Mathe nicht, in Geschichte nicht. Da hab ich geschlafen, weil ich die liebe lange Nacht laufen war. Immer kalt, nie trocken, meistens krank, so fertig. Tierisch die Nase den lieben langen Herbst, den lieben langen Winter, manchmal noch im April voll fertig. Gelernt hab ich im Sommer. Da war ich vorn dabei. Sport hatten wir, Theater, Ethik. Da war ich besser als
die meisten. Hat aber keinen interessiert.
Gefragt hat man mein Vater immer wieder mal. Wenn Bier alle war, oder so. Sport, Theater, Ethik war dem egal, aber Mathe, Geschichte, das wollte der immer wissen. Passt hab ich dann gesagt. Sonst nichts, obwohl Mathe immer scheiße war, Geschichte höchstens ok. Mein Vater immer Mathe, Geschichte ist wichtig, sollteste besser sein, als die anderen. Ich immer passt, obwohls nicht gestimmt hat. Konnte der ja nicht wissen, da vor dem Trailer. Als wenn der in Mathe der Bringer gewesen wäre, oder in Geschichte. Nen Scheiß war der.
Meine Mama hab ich nie getroffen. Manchmal hab ich mich gefragt, ob das eine von seinen Weibern war. Hab dann immer gehofft, dass nicht. Hat mein Vater nie was gesagt. Da dachte ich, dass ich lieber nicht frage. Am Ende wars die Fetteste, Geschwollenste von allen. Am Ende war die immer noch manchmal da. Eine gabs, die mir immer Eier machen wollte. Immer Willste nen paar Einer, Kleiner? Die hat sich die Haare gefärbt, aber gebracht hats nichts. Die hatte immer so Stellen am Scheitel, die Haare blond gefärbt, aber am Scheitel paar Finger breit wie Asche, aber schmierig. Hätte mir grade noch gefehlt. 
Nach der achten Klasse bin ich dann weg. Vor drei Jahren. Grad so gepackt die Scheiße. Mibekommen hat mein Vater das nicht. War ja klar. Hab dann meine Sachen gepackt, in einen großen Sack gestopft, kein Wiedersehen, Dad, kein Bis bald, kein Ich lass von mir hören. Das bisschen Geld, das ich finden konnte, hab ich eingesackt, als mein Vater mal wieder besoffen vorm Trailer eingenickt ist. Bin getrampt dann, hab Ewigkeiten an Tankstellen gehockt, in Raststätten geschlafen. Irgendwann bin ich dann hier gelandet, wegen Mona, meinem Baby, die da drin liegt, weil sie mein Baby kriegt.

FLORIAN STERN



Mach Putt was dich putt macht

Papa und Uta auf'n Sofa. Sicht voll falsch. Hirntot. Schaun aufn Bildschirm, Bildschirm läuft, Bildschirm wirft Blaulicht auf mich. Ich schlaf', tu so, bis Uta brüllt “Bring mal'n Schnaps.“ Ich schlaf, tu so. Uta brüllt, brüllt noch mal: “Wird's bald. Schnaps will ich.“ Ich schlaf', tu so. „Halts Maul Uta.“ Uta tritt nach mir. hab Utas Absatz im Bauch. „Ich hau dich grün und blau” tritt noch mal. Papa brüllt “Hast was auff'n Ohrn, Schnaps, sofort“ Ich in Adidas. Im Stand, wipp auf und ab, Hand zur Faust.
Papa schaut traurig. Ich dann doch: “Ja, ja” Faust zur Hand. Uta lacht und tatscht in Papas Schritt. Ich lauf raus, Tür ins Schloss. Zünd mir Malboro an. Rauch im Mund. Rotz auf'n Asphalt. Hol Schnaps.
Lotto Toto Spast hängt auf'n Tisch. Schmalz im Haar. Nass das Shirt. „Gib mal Schnaps.“ Ich hau cash vor ihn hin. Mag mich doch. Grinst manchmal so.
Lotto Toto Spast Gibt mir'n Schnaps. Nimmt das cash, sagt „Bis bald mal Girl“, Hat wohl Porno im Hirn. Glaubt ich mach da mit. Ist wohl dumm im Hirn. Uta würd's tun. Nimm Uta, du Sau. Sag ich nicht laut. Sags still. So für mich. Bumms Uta tot. Ich will Uta bums tot im Lotto Toto Ding.
Würd' mit Papa dann wo hin. Zug, Auto, bis zum Strand. Salz und Sand. Papa lacht dann. Uta gäbs nicht. Schnaps im Sand, ich würd das Grab fürn Schnaps baun, Schnapst ist tot. Papa hat dann O-saft im Glas. Nur O-saft. Sicht dann richtig. Papa ist ja was. Stolz und so. Ich dann auch. Nur O-Saft. Das wär gut für uns. Wär Uta tot. Tot im Lotto tot Ding
Bin zuhaus. Wohnung und so. Tür fällt ins Schloss. Hab Schnaps im Arm. Uta lacht, raucht so blöd. Nimmt Schnaps, Papa schaut nicht hin. Uta tritt mich. „ Nobody want's you“ singt auch noch so blöd. Papa schaut nicht. Hat was auf'n Ohrn. Uta hört nicht auf: „Darling, Nobody want's you!“ Ich Hau Schnaps auf Uta. „Nimm das du Fotzsau“, Schnaps im Blut. Ist Uta's Schuld. Papa schaut mich an. Brüllt dann los. Wählt 112. Ich Tür ins schloss und Tschüss. Lauf zum Bahnhof. Wut im Bauch.
„Wo muss ich hin? Will zum Strand!“ Bahnhofs Tussi schaut mich an. „Fährt auf fünf.“ Ich lauf Los. Ab zur Fünf. Zug schon da. Ich aufn Sitz. Stirn ans Glas. Schau raus. Zug fährt los. Schlaf. Wach dann auf. Schau raus, Strand. Raus aus'n Zug. Mach Stop. Lotto Toto Ding gibt’s auch am Strand. Hol O-saft da. Lottototfrau lacht mich an, ich lach auch. Lauf dann los. Sand im schuh. Dann schon da. Strand und Salz und Horizont. O-Saft dann. Wind im Haar. Hirn ganz still. Mag das so.

HELENE BUKOWSKI




3 Kommentare: